Mein Ziel

Zu Beginn war das Tragen für mich schlichtweg eine Lösung, meinen Alltag bewältigen zu können. Mein Großer war berechtigterweise sehr anspruchsvoll und hatte viel nachzuholen. Aber während er zufrieden in meinen Armen schlummerte, versank das Haus um uns herum im Chaos. So konnte es nicht weitergehen und ausserdem war es anstrengend, er wurde ja auch immer schwerer. Dank dem Tragen war mein Kind ruhiger und ich schaffte wieder deutlich mehr.

Nun, drei Jahre, viel Tragezeit und eine Fortbildung zur Trageberaterin später, habe ich sehr viele Hintergrundinformationen über das Tragen und sehe nicht mehr nur den rein praktischen Aspekt für mich als Mama. Was das alles ist, könnt ihr im Thema Tragen nachlesen. Wenn dieses Wissen weiter verbreitet wäre, würden wohl viel mehr Eltern ihre Babys in Tragetücher und Tragehilfen packen.

Was seit Beginn der Menschheit gut und normal war, ging in unserer zivilisierten Gesellschaft innerhalb von nur 200 Jahren fast verloren. Damals wurde der Kinderwagen in England erfunden, indem man dem Stubenwagen ein paar outdoortaugliche Räder gegeben hat. Es war ein Statussymbol, ein Zeichen dass man zur gehobenen Gesellschaft gehört. Die Kinder wurden fortan nicht mehr getragen, sondern geschoben. Zudem liess man die Kinder von Ammen und Kinderfrauen großziehen. Noch heute ist der Kinderwagen-Markt hart umkämpft, es ist das must-have der Babybranche und steht weit oben auf dem Einkaufszettel jedes Elternpaares.

Noch obendrauf kam dann die dunkle Zeit der Kriege in Deutschland. Es ist heute erwiesen, dass gezielt daran gearbeitet wurde, die Bindung zwischen Eltern und ihren Kindern zu schädigen. Man brauchte willige, gehorsame Soldaten. Aus dieser Zeit stammen die Parolen des verwöhnten Kindes, des kleinen Tyrannen der seine Eltern bereits direkt nach seiner Geburt zu willfährigen Marionetten manipuliert. Unseren Großeltern und Eltern wurde sehr deutlich beigebracht, was sie mit ihren Kindern zu tun und zu unterlassen hatten. Was angeblich alles schlecht für ihr Kind ist. Und Eltern wollen von Natur aus nur das beste für ihre Kinder. Also handelten sie, wie es von Ärzten und Regierung empfohlen wurde, meist entgegen dem eigenen Bauchgefühl. Noch heute bekommen junge Paare von ihren Eltern besorgte Ermahnungen, die Kinder nicht so zu verwöhnen, nicht bei sich schlafen zu lassen, schreien zu lassen. Weil es früher eben normal war, richtig war. Ich werde oft von älteren Damen angesprochen, wenn ich meine Kinder trage. Die allermeisten lächeln gerührt, sprechen zu dem Baby und erzählen ihm, wie schön es das doch hat, so nah bei Mama. Dass sie das früher auch gern gemacht hätten mit ihren Kindern, man es aber nicht kannte und verpönt war.

Und so kommt es, dass es auch heute noch für werdende Eltern völlig normal und klar ist, dass ihr Neugeborenes im Kinderwagen transportiert wird, statt nah und angekuschelt auf Mama und Papa.

Versteht mich nicht falsch, ich verteufle den Kinderwagen nicht. Aber wenn man die Vorteile des Tragens gegenüber dem Kinderwagen kennt, hat man zumindest die Möglichkeit, sich aktiv und bewusst zu entscheiden. Das Kind vielleicht nicht nur zu schieben, sondern eben auch zu tragen. Ich möchte, dass sich dieses Wissen über das Tragen wieder in der Bevölkerung verbreitet, dass Tragen wieder normal wird und nichts exotisches ist.

Ich möchte, dass ihr als Eltern die Chance bekommt, dieses beinahe verlorene Wissen bereits vor der Geburt eures Kindes wieder zu erlangen. Damit ihr euch aktiv entscheiden könnt. Und so keinen einzigen Tag dieser wertvollen Tragezeit verpasst.

Wenn ihr mal Großeltern seid, lächelt ihr die fremde junge Mama mit ihrem Baby an und erinnert euch an eure wundervolle Zeit damals. Als eure Kinder noch klein waren und ihr sie ganz nah am Herzen getragen habt.